Ich sass nahe genug, dass ich das Haar noch immer in der Suppe schwimmen sah.
Von meinem Platz aus sah ich, wie der Mann, einen Tisch weiter, in seiner Suppe wühlte. Ich entschied mich, heute im Restaurant unter meinem Hotel, im selben Gebäude, Nacht zu essen. Der Mann versuchte konzentriert, ein Haar aus seiner Suppe zu ziehen. Er verzog sein Gesicht, so als würde er über eine schwierige Mathematikaufgabe nachdenken, und biss sich dabei leicht auf seine Zunge, die ihm seitlich aus dem Mund hing. Seine Finger waren so schmutzig und staubig, dass ich von hier aus den Unterschied klar sehen konnte zwischen den Fingern, die er in der Suppe hatte, und denen, mit denen er dabei die Schüssel festhielt. Der Dreck der Finger, mit denen er in der Suppe badete, hatte sich in ihr aufgelöst. Ich sass nahe genug, dass ich das Haar noch immer in der Suppe schwimmen sah.
Der Mann trug eine Arbeitskleidung, die auf einen handwerklichen Beruf hindeutete. Und der Geruch, der von ihm ausging, wies dabei auf die Fabrik am östlichen, oberen Ende der Stadt hin. Er roch so, wie es in der ganzen Stadt auch roch. Künstlich, ätzend, süsslich. Äusserst unangenehm, aber ich liess mir höflichkeitshalber nichts davon anmerken.
Der Herr gab den Kampf mit dem Haar in der Suppe auf und fing an, sie auszulöffeln.
Ich sah ihm ein wenig zu, während ich auf mein Essen warten musste. Jedes Mal, wenn er den mit Suppe geladenen Löffel in seinen Mund steckte, kratzten seine Zähne so über den Löffel, dass dabei ein metallisch quietschendes Klackern entstand. Dann stellte er mit seinen trockenen Lippen schmatzend sicher, keine Rückstände auf dem Löffel zu hinterlassen, indem er sie leicht zusammendrückte und den Löffel durch sie hindurch zog. Er sah aus wie ein hungriges Kalb an der Milchzitze seiner Mutter.
Ich musste länger auf mein Essen warten, als ich gedacht hatte. Das war mir gerade recht, denn es liess mir die Möglichkeit, den Mann ansprechen zu können.
„Guten Tag“, eröffnete ich, so höflich ich es konnte, das Gespräch und nickte ihm dabei zu. Er blickte stumm zu mir herüber. Seine Augen waren weniger glasig als die, die ich bisher bei anderen Leuten in Limbo gesehen hatte. Seine Haut war genauso schmutzig wie seine Hände, vernarbt und deutete darauf hin, dass er früher starke Akne im Gesicht gehabt hatte. Ein Krümel eines Suppencroutons fiel ihm von der Lippe zurück in die Suppe.
„Tut mir leid, Sie beim Essen zu stören. Arbeiten Sie vielleicht in der Fabrik östlich an der Stadtgrenze?“
Er sagte nichts. Blickte mich dabei an.
„Können Sie mir erklären, was es ist, das Sie dort produzieren? Ich kann es in der ganzen Stadt riechen. Widerlich. Und ich frage mich…“
Der Mann zuckte leicht mit seinen Mundwinkeln nach unten und schenkte seine Aufmerksamkeit wieder seiner Suppe. Hatte ich ihn gerade beleidigt? Erst jetzt sah ich, dass an der Hand, mit der er die Suppe auslöffelte, zwei seiner Finger fehlten. Sein kleiner und der Ringfinger. Die Narben an den Enden der Stummel deuteten auf einen Unfall hin. Ich kontrollierte seine andere Hand, mit der er die Schüssel festhielt, als könnte sie jeden Moment umfallen, auf fehlende Glieder, doch an dieser waren alle fünf Finger noch vorhanden.
Mit seiner rechten Hand, der mit den fehlenden Fingern, griff er sich eine Serviette und wischte sich die Schleimspur, die aus seiner Nase kroch, ab und schneuzte dann einmal laut in sie hinein. Dann faltete er die Serviette einhändig zusammen, sodass der Schleim in der Serviette verpackt wurde, hob mit seiner gesunden Hand die Suppenschüssel leicht an, schob die Serviette darunter und legte die Schüssel ab. Die Serviette war nun unter ihr eingeklemmt. Die Suppenschüssel stand leicht schief und hatte dort, wo er sie anhob, bräunliche, fettige Fingerabdrücke. Der Mann schöpfte die letzten Schlucke der Suppe in seinen Mund und liess seine Zähne klackend über den Löffel schleifen, zog sich den Löffel durch die Lippen und legte ihn in die leere Schüssel. Dann stand er auf und verliess, mit einem knappen Kontrollblick auf den Stuhl, seinen Tisch und das Restaurant.
Ich musste länger auf mein Essen warten, als ich gedacht hatte. Das war mir gerade recht, denn es liess mir die Möglichkeit, den Mann ansprechen zu können.
„Guten Tag“, eröffnete ich, so höflich ich es konnte, das Gespräch und nickte ihm dabei zu. Er blickte stumm zu mir herüber. Seine Augen waren weniger glasig als die, die ich bisher bei anderen Leuten in Limbo gesehen hatte. Seine Haut war genauso schmutzig wie seine Hände, vernarbt und deutete darauf hin, dass er früher starke Akne im Gesicht gehabt hatte. Ein Krümel eines Suppencroutons fiel ihm von der Lippe zurück in die Suppe.
„Tut mir leid, Sie beim Essen zu stören. Arbeiten Sie vielleicht in der Fabrik östlich an der Stadtgrenze?“
Er sagte nichts. Blickte mich dabei an.
„Können Sie mir erklären, was es ist, das Sie dort produzieren? Ich kann es in der ganzen Stadt riechen. Widerlich. Und ich frage mich…“
Der Mann zuckte leicht mit seinen Mundwinkeln nach unten und schenkte seine Aufmerksamkeit wieder seiner Suppe. Hatte ich ihn gerade beleidigt? Erst jetzt sah ich, dass an der Hand, mit der er die Suppe auslöffelte, zwei seiner Finger fehlten. Sein kleiner und der Ringfinger. Die Narben an den Enden der Stummel deuteten auf einen Unfall hin. Ich kontrollierte seine andere Hand, mit der er die Schüssel festhielt, als könnte sie jeden Moment umfallen, auf fehlende Glieder, doch an dieser waren alle fünf Finger noch vorhanden.
Mit seiner rechten Hand, der mit den fehlenden Fingern, griff er sich eine Serviette und wischte sich die Schleimspur, die aus seiner Nase kroch, ab und schneuzte dann einmal laut in sie hinein. Dann faltete er die Serviette einhändig zusammen, sodass der Schleim in der Serviette verpackt wurde, hob mit seiner gesunden Hand die Suppenschüssel leicht an, schob die Serviette darunter und legte die Schüssel ab. Die Serviette war nun unter ihr eingeklemmt. Die Suppenschüssel stand leicht schief und hatte dort, wo er sie anhob, bräunliche, fettige Fingerabdrücke. Der Mann schöpfte die letzten Schlucke der Suppe in seinen Mund und liess seine Zähne klackend über den Löffel schleifen, zog sich den Löffel durch die Lippen und legte ihn in die leere Schüssel. Dann stand er auf und verliess, mit einem knappen Kontrollblick auf den Stuhl, seinen Tisch und das Restaurant.
Kurz überlegte ich mir, ihm ein paar Meter zu folgen. Vielleicht könnte ich ihn mit ein paar weiteren Fragen provozieren. Oder ich könnte ihn einsperren. Doch ich entschied mich dagegen. Ich war noch nie besonders gewaltfreudig gewesen, und sowieso brachte ein Keller mein Essen gerade an den Tisch.
Der Kellner nickte mir freundlich zu und servierte mir einen weissen Teller, gefüllt mit einem Berg aus angehäufter, nackter, butterner Spaghetti und daneben eine kleine silberne Kanne, aus deren Schnabel ein feiner Dampf aufzog. Ich hatte mir eigentlich das Fenchelrisotto bestellt, entschied mich aber, den Fehler nicht zu erwähnen.
Der Kellner drehte sich ab und räumte routiniert den Tisch des Mannes ab und balancierte einhändig den Suppenteller, den Löffel und das leere Weinglas auf einem Stapel in die Küche.
Auf dem Tisch lag nun nur noch die verbrauchte Serviette des Mannes, die wahrscheinlich gleich auch noch abgeräumt werden würde.
Ein Schmetterling, der soeben eine Metamorphose durchlaufen hätte und sich von seinem Kokon befreit hätte, würde sich in etwa derselben Vorsicht strecken und ausfalten, wie es die schleimige Serviette tat, die, befreit vom Gewicht des Suppentellers, sich langsam auf dem Tisch ausweitete. Von ihr ging derselbe Verwesungsgeruch aus wie von dem Mann, der in sie hinein rotzte, und der Fabrik mit dem Rauch östlich der Stadt.
Es schien fast so, als wollte sie etwas von sich zeigen. Sie räkelte sich und präsentierte sich dem, der ihr zusah. Meiner Tischkante nach schmiegend, wie eine Katze, ging ich in ihre Richtung. Sie lag bereits ganz geöffnet da, und ihr klebriger Inhalt war wesentlich dunkler, als ich es erwartet hätte. Meine Neugier liess es nicht zu, an dieser Stelle wieder an meinen Tisch zurückzukehren, also bückte ich mich über den abgeräumten Tisch und näherte mich der Serviette, indem ich leicht in die Knie ging. Ich grauste mich vor ihrem Anblick, denn ihr Inhalt war am Leben.
Ich blickte sie noch lange an, bis ich erschrak bei einem lauten Geräusch aus der Küche und an meinen Tisch zurückkehrte, als wäre ich ein Schüler, der beim Abschreiben erwischt wurde. Aber ich wurde nicht erwischt. Das Restaurant war leer, und keiner der Kellner hatte mich bemerkt.
Meine Spaghetti waren mittlerweile kalt geworden. Ich übergoss sie mit der dickflüssigen Sauce aus der silbernen Kanne. Eine rahmige Flüssigkeit mit grobem Pfeffer und klein gehackten Speckwürfeln tropfte heraus, umtanzt von feinem Dampf. Die Sauce sickerte durch die kalten Teigwaren hindurch, blieb hie und da kleben, verfing sich oder sammelte sich am Tellerboden zu einem grauen, pampig, milchigen See, dessen Dampf durch die Spaghetti hervorquoll und sie von unten erwärmte.
Ich stach mit meiner Gabel in den Berg und vermischte seinen Inhalt, bis keine Spaghetti von der Sauce ungefärbt blieb. Dann rollte ich mir eine Portion Spaghetti zu einem zünftigen Knäuel zusammen und schob mir alles in den Mund. Ich schluckte zu schnell hinunter.
Ich bat einen Kellner, mir ein Glas Wasser zu bringen. Darin schwamm ein schmaler Schnitz einer Orange. Wie erwartet räumte der Kellner auf dem Rückweg die Serviette vom Tisch. Ohne ihren Inhalt sehen zu wollen, faltete er sie einmal und entsorgte sie mit einer flinken Geste in einem Eimer voll mit alten Quittungen und nun einer Serviette, deren Inhalt nur mir und dem Mann mit den fehlenden Fingern, bekannt war. Ein quimmliger schwarzer Knäuel, bedeckt von hässlichem gelb-grünem Schleim. Darin wuselte alles kribbelig und in kleinen, ruckartigen Bewegungen hin und her. Eine fellige Masse von Hunderten, wenn nicht Tausenden, kleinen achtbeinigen Insekten, vielleicht Spinnen, kaum grösser als Mücken, die sich ineinander selbst verkeilten und leise um einen Platz im Knäuel drängelten.
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