Wer eine Stadt wie diese alleine lässt, darf sich nicht darüber wundern, was in ihr wächst.

Eines Abends verliess ich mein Hotelzimmer und wollte mir eines der Quartiere in der Nähe der Fabrik ansehen, aus der ein grässlicher weisser Rauch ausging. In jenem Quartier hatte der Rauch sich besonders stark niedergelassen und hing wie dampfender Nebel zwischen den grauen Betonhäusern, entlang der Strassen und Gassen, und liess das kalte Licht der Strassenlaternen und das warme Licht, welches sich aus den Fenstern spreizte, in sich verblassen. Es war für immer dunkel in Limbo, und seit mehreren Tagen wachte ein voller Mond über ihr und bleichte die weniger bunten Plätze dieser Stadt noch ein Stück monochromer.

Ich wusste, meiner Lunge bestimmt keinen Gefallen zu tun, würde ich mich weiterhin so nahe an der Fabrik aufhalten und ihre Ausdünstungen in mich einatmen. Mich begleitete der Gedanke eines rapide wachsenden Tumors, erst in meinem Kopf, dann in meinem Magen und schliesslich in meiner Lunge, durch den wüsten Nebel gedüngt, der bei jedem Atemzug in meine Lunge quoll.

Ich setzte mich auf einen Randstein nieder und blickte die leere Strasse hinunter. Der Nebel unterteilte mit seinem feinen, milchigen Dunst die einzelnen Wohnhäuser wie ein dazwischen geschobenes Milchglas und liess sie, je weiter weg sie waren, verblassen, als würde er sie alle langsam in sich aufnehmen, essen und schliesslich verdauen, bis sie ganz in ihm verschwanden und zu einem Teil von ihm wurden.

An einem Fenster im oberen Stock der zweiten Hausreihe, die noch nicht ganz im Nebel verschwunden war, winkte eine Frau in meine Richtung. Ich konnte ihr Gesicht nicht wirklich erkennen, schätzte sie jedoch etwas älter ein, weil ihre Haut am Oberarm durch ihre Bewegung wie geschmolzener Pudding hin und her baumelte. Ausser mir war in dieser Strasse niemand, dem sie hätte winken können, und ich wollte nicht eindringlich wirken, schliesslich wohnte ich nicht einmal in der Nähe von hier, also winkte ich ihr zurück.

Kaum wusste sie, dass sie meine Aufmerksamkeit für sich hatte, streckte sie ihren Finger in eine Richtung hinter mir aus, aus der der Mond leuchtete. Dort war zwischen zwei Häusern eine Wäscheleine aufgespannt, und von ihr herunter schwebte ein flauschiges Etwas, langsam nach unten. Umrandet und verfolgt vom Licht des Mondes sah es von hier aus wie eine kleine Wolke. Als ich mich näherte und schliesslich so nahe war, dass ich fast unter der Wäscheleine stand, konnte ich seine Krallen und seine Ohren ausmachen. Er hatte ein fast menschliches Gesicht, in dem zwei grosse blaue Augen glänzten, die er langsam und beruhigt schloss, bevor er zu Boden schwebte, um sich dort mit einem leisen Winseln in Luft aufzulösen. Ich hatte an jenem Abend zum ersten Mal einem Wolkenhüter beim Sterben zugesehen.

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