„Wenn es leise ist, werde ich beten. Bisher war es mir immer viel zu laut…“

Gestern, als ich planlos in der Stadt herumirrte, ich gebe ungern zu, dass ich mich auf dem Weg zurück zu meiner Bleibe verlaufen hatte, fing es ziemlich plötzlich zu regnen an. Normalerweise konnte ich den Moment vor dem Regen riechen. Es war etwas, was sich in der Luft veränderte. Ich erkannte es immer daran, dass die Luft roch, als wäre sie mit einer dünnen Schicht Butter überzogen.

In Limbo habe ich ihn bisweilen noch nie vernehmen können. Hier wurde er überschattet von einer üblen Süsse, welche ich nur damit beschreiben kann, dass es hier so riecht, als hätte jemand versucht, den Geruch einer Kadaverstelle künstlich zu reproduzieren und diesen dann über der ganzen Stadt abgeladen. Der Regen mit seinen dicken Fäden nagelte diesen Geruch und das, was von ihm über die letzten Tage in die Luft gestiegen war, zu Boden und ätzte damit meine Nase.

Ich suchte mir unter einem Dach Schutz vor dem Regen. Unter dem Dach standen bereits zwei weitere Personen, die glimpflicher als ich von der plötzlichen Schauer davonkamen, denn ihre Haare und ihre Jacken waren wesentlich trockener als meine.

Wir standen zu dritt unter dem Vordach eines Zigarettenkiosks. Von hier aus konnte ich die Stadt und ihre Lichter überblicken. Das grelle Licht der Aufschrift färbte den Regen hellblau. Es gab viele dieser Kioske in Limbo. Sie schienen sehr beliebt zu sein, denn rauchen tut hier fast jeder. Ich habe schon oft beobachtet, wie die Menschen, die hier lebten, für ein einziges Zigarettenpäckchen in der Schlange standen. Teilweise sogar nur für eine einzige Zigarette. Auch die beiden, die mit mir unter dem Dach standen, entschieden sich kurz, nachdem ich mich neben sie gestellt hatte, in die Warteschlange im Zigarettenkiosk zu stehen. 

Aussen am Kiosk waren zwei Aschenbecher montiert. Einer von ihnen musste kürzlich geleert worden sein, denn er war bis auf ein paar einzelne Filter ganz leer. Der andere hingegen überlief mit Asche. Mein Päckchen wurde auf der linken Hälfte nass. Die Zigaretten auf dieser Seite konnte ich ganz sicher wegschmeissen. Sie zerbrachen in der Schachtel, waren gewellt oder ganz verbogen. Ich griff sie mir alle, knüllte sie zu einem matschigen Ball aus Tabak und Papier zusammen und drückte sie durch die Öffnung in den fast leeren Aschenbecher neben mir. Dann zog ich eine Zigarette aus der trockenen Hälfte der Schachtel und zündete sie mir an. Ihr Rauch stieg in das grelle Licht.

Von hier draussen konnte ich ein leises Geschwafel aus dem Zigarettenkiosk vernehmen, welches immer dann, wenn ein Kunde den Laden verliess, für ein paar Sekunden etwas klarer zu verstehen war, bis es dann wieder mit dem Zufallen des Schlosses in einer dumpfen Geräuschsuppe ertrank. Die Türe zum Betreten und Verlassen des Kiosks stiess beim öffnen an eine kleine Glocke, die an der rechten oberen Ecke auf der Innenseite des Türrahmens montiert war.

Die Stadt gab Rauschen von sich, der Regen prasselte laut auf das Vordach.

Kling kling. „Wenn es leise ist, werde ich beten. Bisher war es mir immer viel zu laut…“, hörte ich im Kiosk jemanden von sich erzählen.

Ich zog an meiner Zigarette und lauschte dem Knistern der Glut.

Kling kling Jemand verliess den Kiosk. „Das haben wir uns nicht einmal auf dem Pazifik getraut…“. Die Türe ging wieder zu.

In Limbo habe ich bisher noch nicht viele Leute mit einem Auto fahren sehen. Das Rauschen kam nicht von den Strassen. Es musste aus der Fabrik am anderen Ende der Stadt kommen. Dort wurde etwas produziert, von dem ich keine Ahnung hatte.

Kling kling machte die Tür, als wolle sie mich darauf aufmerksam machen, wieder in den Kiosk lauschen zu müssen. Diesmal konnte ich aber nichts verstehen.

Ich fühlte mich verpflichtet den Leuten zuzuhören. Manchmal schrieb ich mir ihre Gespräche auf einen kleinen Notizblock, den ich stets bei mir trug.

Einmal meinte ein blonder Mann in meine Richtung: „Die Stadt will dich.“ In meinem Hals setzte sich ungewollt Speichel ab, der es mir verhinderte, sofort darauf zu antworten. Der junge Mann hatte dieselben glasigen Augen wie alle anderen und schaute mit ihnen durch mich hindurch.

Kling kling „Schweine rösten und in ihrem Dampf baden. Ich habe eine Tüte voll mit Einkäufen, aber sterben will ich anders.“ Eine Person verliess den Laden und stiess dabei die Türe weiter auf, als nötig gewesen wäre.

„Sterben will ich anders“, dachte ich leise vor mich hin.

Meine Zigarette brannte nieder, ohne dass ich sie wirklich geniessen konnte.

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